Risikoklassen verstehen – und richtig anwenden
Der EU AI Act teilt KI-Anwendungen in vier Risikoklassen ein: von „verboten" bis „minimal". In der Theorie klingt das einfach – doch in der Praxis fragen sich viele Unternehmer: In welche Kategorie fällt mein konkretes Tool?
Genau darum geht es in diesem Artikel: eine praktische Anleitung zur Einstufung Ihrer KI-Anwendungen, mit typischen Beispielen aus dem KMU-Alltag.
Die 4 Risikoklassen im Schnellüberblick
| Stufe | Pflichten | Beispiele |
|---|---|---|
| Verboten | Einsatz untersagt | Social Scoring, manipulative KI |
| Hohes Risiko | Strenge Auflagen, Dokumentation, Aufsicht | KI im Recruiting, Kreditvergabe |
| Begrenztes Risiko | Transparenz- und Kennzeichnungspflicht | Kunden-Chatbots, Deepfakes |
| Minimales Risiko | Keine besonderen Pflichten | ChatGPT für Texte, Spam-Filter |
Eine ausführliche Erklärung der Stufen finden Sie in unserem Hauptartikel zum EU AI Act.
Typische KMU-Anwendungen und ihre Einstufung
Minimales Risiko – Business as usual
Die meisten KI-Tools, die KMU heute einsetzen, fallen in diese Kategorie. Sie müssen keine besonderen regulatorischen Pflichten erfüllen:
- ChatGPT, Claude oder Gemini für Texterstellung, Zusammenfassungen, Recherche
- KI-Übersetzungstools wie DeepL für Geschäftskorrespondenz
- Automatisierte Datenanalyse in Excel, Power BI oder ähnlichen Tools
- KI-gestützte Buchhaltungssoftware für Belegerfassung
- Spam-Filter und intelligente E-Mail-Sortierung
Tipp: Auch wenn keine Pflichten bestehen, empfiehlt sich eine interne Dokumentation. Das erleichtert später die AI Literacy Schulung Ihres Teams.
Begrenztes Risiko – Transparenz ist Pflicht
Hier gilt eine klare Regel: Nutzer müssen wissen, dass sie mit einer KI interagieren. Das betrifft insbesondere:
- Chatbots auf Ihrer Website, die Kundenanfragen beantworten → Kennzeichnung als KI erforderlich
- KI-generierte Inhalte in Marketing und Social Media → Kennzeichnung empfohlen
- Automatisierte Antwort-Systeme per E-Mail oder Messenger → Hinweis auf KI-Nutzung
Was Sie tun müssen: Fügen Sie einen sichtbaren Hinweis hinzu, z. B. „Dieser Chat wird von einem KI-Assistenten unterstützt." Das genügt in den meisten Fällen.
Hohes Risiko – hier wird es ernst
Setzt Ihr Unternehmen KI in einem dieser Bereiche ein, gelten strenge Auflagen ab August 2026:
- Recruiting und Personalauswahl: KI-gestützte Bewerbungsfilter, automatisierte Vorauswahl von Kandidaten
- Kreditwürdigkeitsprüfung: Automatisierte Bonitätsbewertung von Kunden oder Lieferanten
- Versicherungswesen: KI-basierte Risikobewertung für Prämienberechnung
- Zugangskontrolle: Biometrische Zutrittssysteme mit Gesichtserkennung
Pflichten bei Hochrisiko-Anwendungen:
- Risikomanagementsystem einrichten
- Technische Dokumentation erstellen
- Menschliche Aufsicht sicherstellen
- Transparenz gegenüber Betroffenen gewährleisten
- Registrierung in der EU-Datenbank
Verboten – Finger weg
Diese Anwendungen sind seit Februar 2025 untersagt:
- Social Scoring: Bewertung von Personen anhand ihres Sozialverhaltens
- Manipulative KI: Systeme, die gezielt Schwächen ausnutzen (z. B. bei älteren Menschen)
- Emotionserkennung am Arbeitsplatz (außer aus Sicherheitsgründen)
Für KMU in Österreich sind diese Verbote in der Praxis selten relevant – aber gut zu wissen.
Entscheidungsbaum: So stufen Sie Ihr KI-Tool ein
Gehen Sie diese Fragen der Reihe nach durch:
1. Manipuliert das Tool Menschen oder bewertet ihr Sozialverhalten? → Ja: Verboten. Sofort einstellen.
2. Trifft das Tool Entscheidungen über Menschen? (Bewerbungen, Kredite, Versicherungen, Bildung) → Ja: Hohes Risiko. Strenge Auflagen erfüllen.
3. Interagiert das Tool direkt mit Kunden oder Nutzern? (Chatbot, automatisierte Antworten) → Ja: Begrenztes Risiko. Transparenzpflicht beachten.
4. Keines der oben genannten trifft zu? → Minimales Risiko. Keine besonderen Pflichten.
Häufige Fehleinschätzungen
„ChatGPT ist Hochrisiko, weil es so mächtig ist." Nein. Die Risikoklasse richtet sich nach dem Einsatzzweck, nicht nach der Leistungsfähigkeit des Modells. ChatGPT für Textentwürfe = minimales Risiko. ChatGPT als automatisierter Bewerbungsfilter = hohes Risiko.
„Unser Chatbot ist nur minimales Risiko." Nicht unbedingt. Sobald ein Chatbot mit Kunden interagiert, greift die Transparenzpflicht (begrenztes Risiko). Das heißt: Kennzeichnung als KI ist Pflicht.
„Wir nutzen nur fertige Software, also sind wir nicht betroffen." Falsch. Der EU AI Act gilt auch für Betreiber (Deployer) von KI-Systemen, nicht nur für Entwickler. Wenn Sie ein KI-Tool einsetzen, tragen Sie Mitverantwortung.
„Kleine Unternehmen sind ausgenommen." Leider nein. Es gibt keine generelle KMU-Ausnahme. Allerdings sind die Pflichten bei minimalem und begrenztem Risiko überschaubar.
Checkliste: KI-Bestandsaufnahme für Ihr Unternehmen
- Alle eingesetzten KI-Tools auflisten (auch indirekte Nutzung in Software)
- Jedes Tool anhand des Entscheidungsbaums einstufen
- Bei begrenztem Risiko: Transparenzhinweise prüfen und ergänzen
- Bei hohem Risiko: professionelle Beratung einholen
- Dokumentation anlegen (welches Tool, welcher Zweck, welche Risikoklasse)
- AI Literacy Schulungen für Mitarbeiter planen
Was tun, wenn Sie unsicher sind?
Die Einstufung ist nicht immer eindeutig – besonders bei KI-Tools, die mehrere Funktionen abdecken. In diesen Fällen:
- Im Zweifel höher einstufen: Lieber eine Stufe zu hoch als zu niedrig – das schützt vor Strafen.
- Hersteller fragen: Seriöse Anbieter können Auskunft über die Risikoklasse ihres Produkts geben.
- Beratung nutzen: Bei Hochrisiko-Anwendungen oder Grenzfällen lohnt sich ein professioneller Compliance-Check.
Im Rahmen meiner KI-Strategieberatung biete ich einen EU AI Act Compliance-Check an, der genau diese Einstufung für Ihr Unternehmen vornimmt.
Fazit
Die Risikoklassen des EU AI Act sind kein bürokratisches Monster – sie folgen einer nachvollziehbaren Logik: Je mehr eine KI-Anwendung über Menschen entscheidet, desto strenger die Auflagen. Für die meisten KMU-Anwendungen gilt: minimales oder begrenztes Risiko, überschaubare Pflichten. Wichtig ist, dass Sie jetzt Ihre Tools einstufen und dokumentieren – nicht erst, wenn die Fristen ablaufen.
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